1.    Nicht lehren, sondern zeigen

 

Die beste Art, etwas zu lernen, ist, es selbst herauszufinden. Wer etwas finden will, muss suchen können. Und wer etwas entdecken will, muss gut hinsehen lernen. Dazu brauchen wir jemanden, der uns das zeigt. Sehen lernen bedeutet zunächst einmal Wahrnehmen erfahren, empfinden, dass Wahrnehmen sich dreifach vollzieht: körperlich, seelisch, geistig. Das körperliche Wahrnehmen erfasst etwas so wie es sich den Sinnen zeigt. Das seelische Wahrnehmen kommentiert das gefühlsmäßig, was sich den Sinnen zeigt. Das geistige Wahrnehmen gestaltet das, was sich sinnlich vernehmbar und gefühlsmäßig bewertet präsentiert und legt es  für den Wahrnehmenden auf geeignete Weise zurecht. Jeder kennt das: Was wir negativ bewerten, nehmen wir anders wahr als das, was wir positiv bewerten. Untersuchungen zeigen, dass Leute, die Beamte oder Bauarbeiter als faul bezeichnen, Beamte oder Bauarbeiter vor allem dann wahrnehmen, wenn sie gerade Pause machen. Umgekehrt nehmen Leute, die Beamten und Handwerkern gegenüber positiv eingestellt sind, dies vor allem bei der Arbeit wahr.[1]

Vorurteile verzerren die Wahrnehmung. Lehrer, die von Lernenden das erwarten, was sie sich vorstellen, nehmen diese positiver wahr, wenn sie ihrer Erwartungshaltung entsprechen. Es darf nicht sein, dass einfallsreichere Schüler anders wahrgenommen werden als einfallsarme. Wer also erfolgreich lehren will, muss selbst vorweg erst einmal das vorurteilsfreie Sehen lernen. Diese Fähigkeit  sprechen sich Studierende, die Lehrer werden wollen, mit großer Hartnäckigkeit ab. Sie bestreiten dieses Wahrnehmungsvermögen schlichtweg.

„Natürliches Lehren und Lernen“  ist ein Lehrbuch für die vorurteilsfreie Begegnung mit Lernenden und natürlich darüber hinaus für das unvoreingenommene Wahrnehmen überhaupt. Zu diesem Zweck ist es erforderlich, sich auf die vielfachen Arten und Weisen des Wahrnehmens überhaupt erst einmal einzulassen und zu trainieren. Diese Befreiung von bedrückenden Vorurteilen geht mit der beglückenden Erfahrung von Selbstbefreiung einher. Jedoch ist dies leichter gesagt als getan, denn der Weg dorthin ist nicht frei von Stolpersteinen. Aber wir werden sie Ihnen Kapitel für Kapitel aus dem Weg räumen. Weil einige zu schwer sind, um sie allein zu tragen, gehen wir davon aus, dass Sie uns dabei helfen.



[1] Negative Gedanken sind eine Form von Vorurteilen. Und dass diese Einfluss auf unsere Wahrnehmung haben, ist wissenschaftlich bestätigt. Vor zwei Jahren hat eine Untersuchung der Universität von Toronto folgendes ergeben: Wer der Auffassung ist, andere Menschen würden einen vorschnell einem Klischee zuordnen, nimmt vorrangig genau jene Anzeichen wahr und interpretiert dementsprechend. Dies führt für die entsprechende Person zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung: University of Toronto. “Expecting To Be Treated With Prejudice May Be Self-fulfilling Prophecy, Study Suggests., June 2008”